JH MMXVII

Johann Hendrix

Anna. Orange

Krefelder Kunstverein 9. Juli - 21. August 2010

Klarheit gewinnen …


Aus dem Katalog "Anna. Orange. Portraits" zur gleichnamigen Ausstellung im Krefelder Kunstverein

Herbert Fendrich

Wie kam Piet Mondrian zu seiner „abstrakten“ – von ihm selbst „konkret“ genannten – Bildsprache? Mit den Bäumen fing es an – und führte durch eine immer weiter gehende Reduktion auf ein horizontales und vertikales Gerüst zu den bekannten „Gittern“ in den Kompositionen seiner Reifezeit. Eine künstlerische Entwicklung ebenso folgerichtig wie verblüffend und nicht vorhersehbar.

Wie kam Johann Hendrix zum „Porträt“, zu den hier vorgestellten „Köpfen“? In den 90er Jahren entwickelt der Maler eine Bildsprache, die sich beschreiben lässt als ein spannungs- und beziehungsreiches Miteinander von Wirklichkeitsbezügen – im Sinne abbildlicher Qualitäten – und einer Farbmalerei, die ihren eigenen künstlerischen Gesetzen folgt – oder nach ihnen sucht. Dieser Kunst geht es um das „Gleichgewicht“ – insofern liegt es nahe, Mondrian herbeizuzitieren. Dabei bleibt ein wesentlicher Unterschied festzuhalten: Hendrix gibt nicht wie Mondrian das Gegenständliche und Abbildliche zugunsten der „reinen“ Komposition auf. Das, was „in Wirklichkeit“ gesehen wird und gesehen werden kann, bleibt in Hendrix’ Malerei ein entscheidender Malgrund, Ausgang und vielleicht auch Ziel. „Gleichgewichtigkeit“ besteht zwischen den abbildlichen und den gegenstandsfreien „autonomen“ Farbflächen; ebenso auf „Stimmigkeit“ angelegt sind die Binnenstrukturen im Verhältnis der farbigen Werte zueinander wie zur Gesamtstruktur des Bildes.

Vornehmlich waren es Landschaften, an denen der Maler seine künstlerischen Mittel erprobte. Mediterrane oder auch niederrheinische. Zuweilen gab es Architekturelemente. Aber menschliches Personal war in seinen Bildern ausgesprochen selten. Es lohnt sich, die Wirkung, die Hendrix mit seiner Malerei in diesem thematischen Feld erzielte, kurz zu charakterisieren. Von „Weite“ und „Tiefe“ kann man sprechen, insbesondere dort, wo die horizontalen Farbstreifen überwiegen. Überall aber teilt sich eine große Stille mit, die von der Reduktion des Gegenständlichen ebenso getragen wird wie von der Ordnung, fast Strenge der Komposition. Eine kontemplative Stimmung erfasst uns. Fast möchte man sagen: Andacht. Und wir schauen gerne hin. Wir werden an jedem Bild Augenzeuge der „Verklärung“ der Realität mit künstlerischen Mitteln. Aber nicht im Sinne eines „schönen Scheins“. Wir erfahren diese „Klarheit“ als etwas, das an der Wirklichkeit „dran“ ist, nur nicht einfach an seiner Oberfläche erfahrbar. Von „Klarheit“ zu sprechen scheint mir vor diesen Bildern von Johann Hendrix besonders angemessen. Der Begriff taugt ja nicht nur, um die besondere Ordnung in diesen Werken hervorzuheben. Sondern er macht auch deutlich, wie sie erfahrbar wird. „Einleuchtend“ im Wortsinn. Als Lichtkraft der Farbe.

Mit dem gewissen Ewigen …

Als Johann Hendrix seit 2001 begann, mit seinen vornehmlich an der Landschaft erarbeiteten Bildmitteln sich dem Menschen und seiner individuellen Erscheinung als „Gegenstand“ zuzuwenden, war das eine überraschende Entwicklung. Es mochte wie ein Experiment auf Nebenschauplätzen erscheinen. Künstlerisch eher unnötig, wo doch das „Eigentliche“ seiner malerischen Fähigkeiten in den Landschaften so überzeugend und einleuchtend sichtbar wurde. Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass künstlerisch überzeugende Ergebnisse auf diesem Feld kaum erwartet werden dürfen. Selbstverständlich ist „das Porträt“ ein bedeutendes Sujet der Kunstgeschichte, das sich insbesondere in der neuzeitlichen Entwicklung der abendländischen Kunst als „Entdeckung des Menschen“ und der menschlichen Individualität feiern lassen kann. Aber in der Gegenwartskunst? Nach Erfindung der Photographie eher überflüssig, als „Auftragskunst“ abgetan, ist das Porträt zum Nischenprodukt (gut)bürgerlicher oder staatlicher Repräsentation geworden, in dem künstlerische Ambitioniertheit eher peinlich wirkt. Eine Offenbarung ist „Goldfinger im Kanzleramt“ jedenfalls nicht.

Es ist erstaunlich, was Johann Hendrix’ Kunst auf diesem schwierigen Feld zu leisten imstande ist. Dabei muss sie sich weder neu erfinden noch verbiegen. Sondern nur bei ihren Leisten bleiben. Ich habe sogar den Eindruck: Im thematischen Horizont des Menschen-Bildes wird noch sehr viel genauer erfahrbar, was diese Kunst uns sagen kann, wenn wir es sehen wollen.

Sprechen wir zunächst vom offen Sichtlichen. Wir sehen menschliche Gesichter zusammengesetzt aus Farbflächen, die – zumindest in der späteren Entwicklung der Porträts des Künstlers – sauber konturiert und in sich nicht moduliert sind. Dazu monochrome Farbfelder. Unverkennbar: Der Maler ist Johann Hendrix.

Aber ebenso unverkennbar ist trotz Abstraktion und Reduktion die menschliche Individualität. Die Dargestellten sind – so wünschen wir uns ein Porträt – eindeutig und fraglos wiedererkennbar. So sehen die „wirklich“ aus! Verblüffend ähnlich. Und erstaunlich lebendig! Denn dies ist zumindest ein Nebenaspekt der Geometrisierung und Abstraktion: Das Auge des Betrachters muss ergänzen, wird aktiv. Und der auf der Leinwand dargestellte Mensch wird im Prozess des Sehens lebendig. Kopfkino vom Feinsten!

Offen sichtlich ist aber auch die Hauptsache. Die Menschen erscheinen in den Bildern von Johann Hendrix „anders“. In einer „Schönheit“, die mit kosmetischen Absichten und Operationen nichts zu tun hat. Irgendwie „nicht von dieser Welt“. Vielleicht ist ein Blick in die Kunstgeschichte hilfreich, um den Sachverhalt präziser formulieren zu können. In der Spätantike beginnt allmählich eine christliche Kunstproduktion, die in der antiken Kunst eine wirkmächtige Lehrmeisterin hat. Aber damit auch ein Problem. Denn die antike Kunst – auch die religiöse – ist ausgesprochen „welthaltig“, erdenschwer, diesseitig. Die christliche Kunst aber sucht – erkennbar in der Entwicklung von der Spätantike zum Mittelalter – nach Ausdrucksmöglichkeiten für das Überirdische und Jenseitige. Und findet sie auch.

Ganz knapp formuliert: Durch Geometrisierung und Flächenhaftigkeit. Dem Bild wird die realistisch anmutende Dreidimensionalität entzogen, um eine „vierte“, eine neue und ganz andere Dimension erscheinen zu lassen. Was spätere Zeiten als „Verlust“ der mittel- alterlichen Kunst, gar als Unfähigkeit und Barbarisierung, bezeichnet haben, zielt auf den Ausdruck des „Göttlichen“ im Bild.

Ist es angemessen, Johann Hendrix‘ Bildkunst – und Bildniskunst – in die Nähe solcher künstlerischer Tendenzen zu rücken? Ist damit die Wirkung dessen erfasst, was wir hier gestaltet sehen: die Zerlegung des menschlichen Gesichts in Farbflächen, die geometrischen Muster, die „Strenge“ der Komposition, die Erscheinung des Menschen im Glanz von wohlgeordneten Licht- und Farbsignalen? Ich meine, es lohnt sich zumindest, so zu fragen.

Wir könnten auch den Künstler befragen. Insbesondere seine Bilder. Gar nicht so selten hat er in seinen „Porträts“ die Auseinandersetzung mit Vorgaben der christlichen Kunst gesucht. Einen „jugendlichen Christus“ (nach einem Gemälde von Giovanni Antonio Boltraffio) nennt er ausdrücklich „Der Ewige hat Zeit“. Und ordnet das Werk damit genau in den hier beschriebenen Spannungsbogen ein. Zwischen Diesseits und Jenseits. „Hier“ und „Dort“. Göttlich und menschlich.

Rufen wir zu guter Letzt noch einen „Vater der Moderne“ in den Zeugenstand. Vincent van Gogh schrieb 1888 an seinen Bruder Theo:

Ich möchte Männer und Frauen mit dem gewissen Ewigen malen, wofür früher der Heiligenschein das Symbol war und das wir durch das Leuchten, durch das bebende Schwingen unserer Farben auszudrücken versuchen.

Ich gebe zu: Dies ist ein beängstigender Anspruch. Mit dem gewissen Ewigen: Schon van Gogh formuliert so, dass die Unsicherheit und das Wagnis spürbar wird. Aber eben auch der unbedingte Wille, mit den Ausdrucksmitteln seiner Kunst neu zu formulieren, was schon früher Sache der Kunst und der Künstler war.

Von der „Klarheit“ war schon bei meinen allgemeinen Bemerkungen zur Kunst von Johann Hendrix die Rede. Ich möchte diese Charakterisierung unbedingt auch für seine Menschen-Bilder gelten lassen. Und nicht verschweigen, dass dieses Wort für mich auch eine theologische Dimension hat. Martin Luther übersetzt mit „Klarheit“ das griechische δόξα (doxa; hebräisch: kabod; lateinisch: gloria / claritas), den biblischen Begriff, der den sichtbaren Glanz des Göttlichen meint. Zum Beispiel der Engel auf den Feldern von Betlehem:

Und die Klarheit des Herrn umstrahlte sie.

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