JH MMXVII

Johann Hendrix

Interview

Das Gespräch über das Bild "Sala d´attesa" im Essener Bischofshaus erschien am 24. Dezember 2010 in der Weihnachtsbeilage der Tageszeitung RHEINISCHE POST, Düsseldorf

Lothar Schröder im Gespräch mit Johann Hendrix

Warum haben Sie sich aus dem berühmten Michelangelo-Bild "Die Erschaffung Adams" als Motivvorlage für das eigene Werk ausgerechnet eine Nebenfigur herausgepickt?

Hendrix Für mich war Eva immer schon eine Hauptfigur - weil es eine Frau war, die ich sehr schön finde. Dieses Bild aus der Sixtinischen Kapelle hing als Schwarz-Weiß-Abbildung bei meinem Großvater im Treppenhaus. Es führte ein roter Teppich über die Treppe dorthin. Und während bei Familienfesten nebenan gefeiert wurde, saß ich allein auf dem roten Teppich und schaute mir immer nur diese Eva an. Das war für mich ein ganz starker Eindruck.

Aber warum konnte diese Eva dann nicht auch Eva bleiben, sondern musste zur Maria werden?

Hendrix Das ist zunächst der Raumsituation im Essener Bischofshaus geschuldet. Eva musste sich im Warteraum dem Verkündigungsengel zuwenden. Und diese Spiegelung hat sie verändert, eine Wandlung praktisch durch Zufall. Aber mit dieser Metamorphose hatte ich mich auseinandersetzen.

Schätzen wir denn in der biblischen Geschichte insgesamt die Frauengestalten zu gering?

Hendrix Diese Frage gebe ich an Alice Schwarzer weiter.

Wieso?

Hendrix Weil ich etwas gegen die Versuche habe, alles im feministischen Sinne so gerecht hinzubiegen - wie etwa mit der Bibel der gerechten Sprache. Da geht es nur um Machtfragen. Für mich sind die Frauen in der Bibel sehr präsent. Die vorgegebene Männer-Dominanz drehen zu wollen, ist meiner Meinung nach Geschichtsfälschung.

Wie hängen die Bilder in ihrer Aussage zusammen - "Die Erschaffung Adams" und die verwandelte Maria?

Hendrix Auf dem Bild des Michelangelo ist die weltschöpfende Kraft zu sehen. Und in der Umdrehung von Eva zu Maria erscheint uns Gott als erlösende Kraft, als die Schenkung der Liebe Gottes.

Ist das Bildnis von Maria ikonographisch nicht schon ausgeschöpft?

Hendrix Ich frage mich bei jedem Bild, wie man mit dem Wissen der Kunstgeschichte noch ein einziges Bild malen kann. Dagegen steht dann die Urgeschichte des Malens - also die Lust, Farbe auf eine Leinwand aufzutragen, eine andere Farbe daneben zu malen und schon einen Zweiklang zu haben. Und da beginnt dann für mich das Abenteuer, nämlich die Integration zu schaffen von gestaltlosen, geometrischen Farbflächen zu gestalthaften Bildnissen.

Und die Porträts sind dann ein besonderes Abenteuer?

Hendrix Meine Menschenbilder entwickeln sich aus der geometrischen Figur; ich abstrahiere also nicht das Antlitz eines Menschen. Mein Weg ist der aus der reinen Farbbeziehung zur Gestalt - und nicht umgekehrt.

Wie wichtig ist das Kreuz im Gesicht der Maria - also die Kennzeichnung der Passion Jesu?

Hendrix Das ist eigentlich kein malerisches, sondern ein erzählendes Motiv, das ich eigentlich immer zu vermeiden suche. Ich will es auf jeden Fall nicht überbetonen.

Dieser Verweis auf den Kreuzestod Jesu gibt dem Antlitz etwas ungemein Bitteres.

Hendrix Und so ist es doch auch. Wir können Maria nicht denken ohne an das Ende ihres Sohnes zu denken; aber wir denken sie auch über das Ende hinaus: Also steckt in diesem Kreuz zugleich die Auferstehung.

Die monochromen Flächen am Rand sind eine Art Markenzeichen Ihrer Bilder...

Hendrix ... es sind Leitmotive, wie bei Wagner, die immer wieder auftauchen. Ich denke in musikalischen Analogien, und so wird diese Farbfläche zur Tonart des jeweiligen Bildes. Würde ich die Farbe ändern, wäre es wie ein Wechsel von Moll zu Dur. Darum ändert sich während des Malens diese monochrome Fläche ständig. Am Ende lagern -zig Schichten übereinander, bis ich den richtigen Ton getroffen habe.

Wie wichtig ist Ihnen als Künstler der Glaube?

Hendrix Als Künstler? Das kann ich ja gar nicht trennen - Künstler und Mensch. Meine Kunst gründet auf dem Glauben wie auf der Farbpalette.

Welches Verhältnis gibt es heute zwischen moderner Kunst und der Kirche. Manche sprechen von einem Nicht-Verhältnis?

Hendrix So pauschal stimmt das nicht. Mit dem Ende des Barock und der Individualisierung der Kunst ist dieses Verhältnis natürlich sehr schwierig geworden. Die Kirche ist plötzlich nicht mehr der alleinige Auftraggeber. Aber es gibt mittlerweile auch viele gute Beispiele, wie die Kirche wieder mit moderner Kunst umgeht.

Würden Sie dazu dazu auch das umstrittene Kölner Domfenster von Gerhard Richter zählen?

Hendrix Das ist sogar ein sehr gutes Beispiel.

Warum?

Hendrix Ich finde, es ist das beste gotische Glasfenster im gesamten Kölner Dom. Weil es der Absicht der gotischen Malerei am nächsten kommt: Denn wenn das Licht durch diese Fenster fährt, ist es wie ein brausender Orgelklang. Dagegen sind die anderen Fenster viel narrativer und aufgesetzter.

Was kann die Kunst dem Glauben geben?

Hendrix Die Kunst kann durchaus zum Glauben inspirieren; nur darf man das als Künstler nicht wollen. Es muss aus der Kunst und dem Material der Kunst selbst kommen. Ginge ich mit missionarischem Eifer an ein Bild, würde es stets misslingen.

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