JH MMXVII

Johann Hendrix

Sala d´attesa

Sala d´attesa, 2010, 90x75 cm u. 90x45 cm, Bistum Essen, Bischofshaus


Raum der Erwartung

Katechetische Blätter, München 4/2013

Herbert Fendrich

Das Bild »Sala d’attesa« von Johann Hendrix ist ein Auftragswerk für das Wartezimmer im Essener Bischofshaus. Es zeigt das schöne Gesicht einer jungen Frau. Aber auch Gott ist mit im Spiel – obwohl er nirgendwo zu sehen ist.

Angenommen – nur mal angenommen – Sie wollen den Bischof von Essen besuchen. Burgplatz 2. Noch ein kurzer bewundernder Blick auf den Engel von Ewald Mataré über dem Portal des Bischofshauses, Sie klingeln. Eine freundliche Sekretärin kommt Ihnen entgegen und führt Sie ins Wartezimmer. »Nehmen Sie doch bitte Platz, der Bischof kommt gleich!« Eine bei viel beschäftigten Menschen verzeihliche Parusieverzögerung seiner Exzellenz gibt Ihnen die Muße, sich ein wenig umzusehen. Schon beim Betreten des Wartezimmers hat Sie ein Engel mit huldvoller Geste begrüßt. Nicht persönlich natürlich, sondern in Gestalt eines Bildes, das an der linken Wand hängt. Wahrscheinlich der rechte Flügel eines alten Altares. Keine wirkliche Überraschung. Sie schauen auf die roten Schuhe des Engels und denken: Na, das ist nun endgültig vorbei. Und nun nehmen Sie Platz. Reflexartig wollen Sie sich der ausliegenden Lektüre zuwenden, aber da fällt Ihr Blick auf die Wand neben der Tür. Noch ein Bild. Aber diesmal ganz anders. Und offensichtlich nicht von gestern. Das Gesicht einer schönen jungen Frau. Doch die blickt nicht Sie an. Sondern mit einer entschiedenen Kopfwendung den Engel auf dem Altarfragment. Und Ihnen dämmert: Die beiden Bilder könnten etwas miteinander zu tun haben.


Der Auftrag und sein Maler

Das Bild »Sala d’attesa« ist ein Auftragswerk. Seine Koordinaten: die räumliche Situation, das Wartezimmer im Essener Bischofshaus. Und das »alte Bild«, das Fragment eines Flügelaltares, über dessen Herkunft und seinen Maler nichts bekannt ist. Nicht ungewöhnlich für ein spätmittelalterliches Werk. Es zeigt offensichtlich einen Verkündigungsengel. Womit klar sein dürfte: Auf dem anderen Altarflügel war Maria zu sehen. Es wäre sicherlich eine Engführung der Auftragsintention, wenn man sie auf die »Ersatzleistung« reduzieren würde. Aber die Ausgangssituation ist der Verlust. Der Verlust eines alten Bildes, der hier aber nicht beklagt, sondern als Chance begriffen wird. Ein neues Bild, eine neue Sprache, auf das alte Wort eine Antwort von heute. Mehr wurde vom Maler nicht verlangt. Aber auch nicht weniger. Der Maler Johann Hendrix (geb. 1957) lebt und arbeitet in Duisburg-Rheinhausen. In der Mitte der 1990er-Jahre begann er die charakteristische Bildsprache zu entwickeln, der er auch in seinem Essener Bild folgt. Zunächst waren es vornehmlich Landschaften, mediterrane oder auch heimatlich-niederrheinische, an denen er seine Bildmittel erprobte. Die Wirklichkeit, die Natur, ist also der Ausgangspunkt seiner Malerei, eine gegenständlich-abbildliche Basis. Sie erfährt eine künstlerische Neuordnung, erscheint verwandelt durch eine Farbmalerei, die ganz eigenen »Setzungen« folgt. Das Bild ist eine Zusammen-Setzung aus scharf voneinander abgegrenzten Farbflächen, kleinen und größeren. Geometrisch beherrscht die Gerade das Feld, insbesondere ein horizontales und vertikales Liniengefüge. Und der Goldene Schnitt lässt grüßen, immer und immer wieder – ein Proportionsverhältnis, das unserem Harmonieempfinden sehr entgegenkommt, seit der Antike bewährt. Eine Gerade wird so geteilt, dass sich die kleinere Strecke zur größeren verhält wie die größere zum Gesamten. Die anschauliche Umsetzung einer Rechenaufgabe. Wurzel aus 5 minus 1 geteilt durch zwei; für die kleinere Strecke: 1 zu 0,618. Viel weniger berechenbar ist das Verhältnis der Farbflächen zueinander. Da hilft keine Mathematik. Aber das Auge sagt: Es stimmt. Wie schön! Beinahe hätte ich es vergessen: Johann Hendrix ergänzt das vom gegenständlichen Sehen ausgehende Bildfeld noch mit einer Zugabe: einer Fläche reiner, monochromer Farbe. Ob wir sie als notwendigen Kontrast auffassen sollen, als Summe oder Substrat: Ich weiß es nicht. Aber auch hier sagt das Auge: Passt! Seit gut zehn Jahren wendet Johann Hendrix seine Bildsprache auf ein Sujet an, das angesichts der beschriebenen Stilelemente einigermaßen erstaunlich ist: das menschliche Gesicht. Da ist so viel gerundet und gekrümmt, dass die Geometrisierung und die Übersetzung in Farbflächen einigermaßen gewaltsam wirken mag. Mir scheint aber, dass der Effekt der künstlerischen Verwandlung hier umso deutlicher wahrnehmbar ist. Die Klarheit, die Strenge, die harmonische Proportion von Farben und Flächen: Sie »verklären« den Gegenstand. Und – im Porträt – die dargestellten Menschen. Sie erscheinen in den Bildern von Johann Hendrix »anders«. In einer »Schönheit«, die mit kosmetischen Absichten und Operationen nichts zu tun hat. Irgendwie »nicht von dieser Welt«. Ein schöner Nebeneffekt der strengen Bildordnung: Unser Auge wird aktiv. Es möchte das »Abstrakte« mit Leben füllen. Das »Gerade« krümmen und runden. Und so wird im Prozess des Sehens der dargestellte Mensch in uns lebendig, gewinnt Gegenwart.


Das Bild und sein Vorbild

Das schöne Gesicht einer jungen Frau. Nennen wir sie ruhig »Maria«. Die Auftragslage, die Situation im Wartezimmer des Bischofs, geben uns das Recht dazu. Es könnte sein, dass sie dem einen oder der anderen bekannt vorkommt – nicht zu Unrecht. Denn ihr Vorbild ist nicht ein menschliches Gesicht von heute, das Porträt einer hübschen Zeitgenossin. Johann Hendrix verwandelt in seiner Kunst ein Detail aus einem der berühmtesten Kunstwerke der Welt. Das dort aber sehr leicht übersehen wird. Obwohl es von zentraler Bedeutung ist. Ich spreche von Michelangelos berühmtem Fresko der »Erschaffung des Menschen« auf der Decke der Sixtinischen Kapelle. Der Schöpfergott und Adam. Das berühmte Hand-Spiel. Der Lebensfunke, der überspringt. Aber doch auch ein Ärgernis. Heißt es doch Gen 1,27: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.«


Ein neues Bild, eine neue Sprache, auf das alte Wort eine Antwort von heute. Mehr wurde vom Maler nicht verlangt. Aber auch nicht weniger.


Der berechtigte Einwand: Wo, bitte schön, ist die Frau? Da ist doch nur ein Mann. Irrtum. Unter dem linken Arm des Schöpfergottes blickt Eva hervor und schaut zu Adam herüber. Fast möchte man ihr in den Mund legen: »Bin schon da!« Auf jeden Fall hat sie keinen schlechten Platz. Das ist nun wahrlich mehr als ein hübscher Einfall des Malers. Die Eva des Michelangelo zur Maria werden zu lassen, die mit der Botschaft des Engels den Gottessohn empfängt und Mensch werden lässt. Hier werden die beiden großen »Anfangsgeschichten« des »Alten« und des »Neuen« Testaments aufeinander bezogen und miteinander verbunden: die Menschwerdung des Menschen und die Menschwerdung Gottes. Die »neue« Schöpfung, die mit Jesus Christus, dem »neuen Adam«, beginnt. Die Erlösungsgeschichte, die Maria zum Ehrentitel der »neuen Eva« verholfen hat. In diesem Zusammenhang lohnt es sich, noch einmal genau auf die »Verwandlung« der Eva zur Maria in Hendrix’ Bild zu schauen. Der Maler hat nicht nur seine »üblichen« Bildmittel angewendet: Er hat sein Vorbild vertikal gespiegelt. Das ist nicht nur der Situation im Wartezimmer des Bischofs geschuldet, damit Maria zum Engel hinüberschaut. Sondern damit ist Maria eine »gewendete« Eva. Das alte Wortspiel klingt an, wie es beispielsweise in der 2. Strophe von »Meerstern, sei gegrüßet« (GL 578) formuliert ist:

Du nahmst an das AVE
Aus des Engels Munde.
Wend den Namen EVA,
bring uns Gottes Frieden.

Über diesen theologischen Gehalt der »Wendung « sollten wir aber den überzeugenden körpersprachlichen Ausdruck nicht vergessen: Maria wird als ein Mensch gezeigt, der auf die Zuwendung Gottes – im Anruf des Engels – mit einer menschlichen Umwendung und Zuwendung antwortet. Kleine Zwischenbilanz an dieser Stelle: Das Bild von Johann Hendrix ist weit mehr als ein ästhetisches Upgrade einer traditionellen Bildidee. Sondern sie eröffnet auch theologische Horizonte, die sehr präzise am Thema orientiert und originell zugleich sind. Eine sehr auffällige Bearbeitung des Vorbildes betrifft die Augenzone. Ein sehr viel hellerer, lichterer Streifen durchzieht hier horizontal die Bildfläche. Schon Michelangelos Eva erscheint ja im Licht und beleuchtet. Sie »erkennt« Adam und wird »erkannt« – sozusagen ein Vorschein des biblischen Sprachgebrauchs, der mit Gen 4,1 einsetzt: »Adam erkannte Eva, seine Frau, sie wurde schwanger und gebar …« Hendrix überträgt mit seiner Malerei sehr betont – und thematisch völlig zutreffend – das Erkennen und Erkannt-Werden auf die Maria der Verkündigung: »Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären« (Lk 1,31). In seiner »Überbelichtung« kann, wer will, eine gnadenhafte, das natürliche Erkennen aufgreifende und übergreifende Bedeutung veranschaulicht sehen. Ich wage noch eine Beobachtung hinzuzufügen: Im Augen-Blick der Maria scheint mir nicht nur ein Mehr an Gnade, sondern auch ein Mehr an Natur zu liegen. Die Augen von Michelangelos Eva haben wenig Tiefe (soweit wir sie überhaupt sehen können). In Hendrix’ Maria ist das Augenpaar ungewöhnlich räumlich ausgebildet und wirkt auf mich so menschlich-natürlich, als sei es nicht dem römischen Vorbild, sondern dem wirklichen Leben »abgeguckt«.


Maria wird als ein Mensch gezeigt, der auf die Zuwendung Gottes – im Anruf des Engels – mit einer menschlichen Umwendung und Zuwendung antwortet.

Auf dem Bild von Johann Hendrix »ruht« – das Wort scheint mir angesichts der ihm innewohnenden Stille angemessen – ein großer Ernst. Das ist eine Wirkung, die ohnehin von der »Strenge« der Bildmittel ausgeht. Dazu bildet die horizontale und vertikale Gliederung ein vielfaches Gitter von Kreuzen und Kreuzungen aus, am deutlichsten in den Streifen, die das linke Auge Mariens waagerecht und senkrecht durchlaufen. Hier ließe sich an den Zusammenhang von Inkarnation und Passion erinnern, ein roter Faden, der in vielen bedeutenden Bildern zur Menschwerdung des Gottessohnes (Verkündigung, Geburt, Anbetung …) gesponnen wird. In diesen Zusammenhang könnte schließlich auch die Farbigkeit des Bildes eingeordnet werden. Dunkle und helle Braun- und Beigetöne dominieren, dazu gibt es ein zartes Rosa an Wange und Unterlippe, ein Spurenelement von hellem Blau vor dem rechten Auge. Aber die für die »Stimmung« des Bildes entscheidende Farbe ist Violett. Die liturgische Farbe des Advents und der österlichen Bußzeit. Hendrix hat diesen Ton seinem Bild nicht thematisch gewaltsam aufgedrückt. Er fand ihn schon dominierend in Michelangelos Werk, in dem aufwallenden Mantel des Schöpfergottes vor. Er wurde zum prägenden Farbklang für sein Bild einer Maria im »Advent«. In der »Erwartung« der Ankunft des Gottessohnes. So wurde aus einem bischöflichen Wartezimmer ein »Raum der Erwartung«. Damit können wir abschließend den klugen Titel des Werkes aufklären. »Sala d’attesa« ist italienisch und heißt schlicht und einfach »Wartezimmer«. Wörtlich übersetzt klingt es allerdings viel besser: »Raum der Erwartung«.

Dr. Herbert Fendrich
ist Bischöflicher Beauftragter für Kirche und Kunst im Bistum Essen.


Zitat zum Bild

Die Tageszeitung RHEINISCHE POST hat in einer 16-seitigen Beilage zu Weihnachten 2010 das Bild von Johann Hendrix ausführlich gewürdigt, mit Beiträgen von Lothar Schröder, Friedhelm Mennekes, Präses Nikolaus Schneider und Bischof Franz-Josef Overbeck. Der Bischof von Essen kommentiert das Bild aus seinem Wartezimmer dort so: »Dieses Bild ist für mich grundsätzlich ein gelungenes Beispiel für die Möglichkeit und die Notwendigkeit, unseren ›alten‹ Glauben immer wieder neu zur Sprache zu bringen, anschaulich werden zu lassen. Wenn ich in die Heilige Schrift schaue, kann ich entdecken, dass ›Neu-machen‹ so etwas wie ein Lieblingsprogramm ist. ›Seht her, nun mache ich etwas Neues‹, spricht Gott beim Propheten Jesaja (43,19). Ein Satz, der am Ende der Bibel (Offb 21,5) wieder aufgegriffen wird: ›Seht, ich mache alles neu!‹ ›Neu machen‹: Nichts tut Gott offensichtlich lieber! Am Anfang der Geschichte, am Ende – und immer wieder zwischendurch.«

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